DAS THEATER DER PILZE - Appetizer


I. Buch: Der Fluch

Abschnitt 1: Messer

Ort: Nikola Zrinskis Burg in Kostajnica
Zeit: Allerheiligen 1541, beim Abendmahl

Der Wein schmeckte sauer, das Bier stank nach frischer Pisse, das Brot war steinhart, die Kastanien im Ofen verkohlt, die zum Braten gereichte Pilzsauce brannte gallenbitter
auf der Zunge, der Hirschbraten selbst war so zäh, dass Zrinskis Messer an ihm abrutschte. 
Das schärfste Beil eines Henkers wäre an diesem Pferdeleder gescheitert.

Lebt mein Vorkoster noch?“ brüllte Zrinski zur Küche: „Hängt ihn auf!“ Er warf sein Messer auf den Steinboden, wo es klirrend dem Vorkoster entgegen schlitterte, der auf Zehenspitzen herbeigeeilt war und mädchenhaft in die Höhe hüpfte.
Während Zrinski auf ein schärferes Messer wartete, funkelte er seinen Gast, den alten General Katzenstein, misstrauisch an. Der ungenießbare Fraß schien dem Kerl zu munden, Kein Wunder, Katzenstein war seit Wochen auf der Flucht vor König Ferdinand und hatte sich im Untergrund verstecken müssen. Geächtet und entehrt, schlug er sich von Burg zu Burg auf der Suche nach Verbündeten durch. Überleben als Vogelfreier ist nie einfach, schon gar nicht als alter Mann, wenn der Winter vor der Tür steht.
Graf Nikola Zrinski, Herr auf Burg Kostajnica, hasste es, warten zu müssen. Er war ein ungewöhnlich starker Mann in der Blüte seiner Jahre, er hätte einen Ochsen mit bloßen Händen erwürgen können und im Augenblick gelüstete ihn danach. Wenn der Vorkoster nicht bald mit einem scharfen Messer antanzte und sein Gast nicht endlich Vernunft annahm, würde Zrinski zuerst in die Küche stürmen, um dem Küchenmeister, den Köchen und Köchinnen, dem ganzen Gesindel eigenhändig den Hals umzudrehen, und dann seinem Gast, oder – besser - umgekehrt: zuerst dem Gast, dann dem Gesinde.
 
Ich habe dem Tod öfter in die Augen geschaut als einer schönen Frau", brüstete sich der alte Freiherr von Katzenstein, „mit eigener Hand habe ich mehr Türken aufgeschlitzt als jeder andere Feldherr. Unzählige Schlachten, ja Kriege habe ich für König Ferdinand ganz allein gewonnen, dazu Bauernaufstände niedergeschlagen und mein gesamtes verdammtes Leben in den Dienst der Habsburger gestellt. Was ist der Dank der feinen Herren? Sag schon! Was ist der Dank?
 
Zrinski schwieg.Wie hatte er nur auf die Idee kommen können, diesem ausgehungerten Kerl Unterschlupf zu gewähren? Als Oberbefehlshaber der Habsburger Heerscharen war Katzianer für seine glänzenden Erfolge berühmt und für seine Brutalität berüchtigt gewesen. Ein Herz aus Stein hatte man ihm nachgesagt, aber nicht nur das. Auf den Schlachtfeldern schien Katzenstein die sieben Leben einer Katze zu haben.
Wegen einer einzigen, ich geb‘ es zu – unglücklichen - Niederlage schimpft König Ferdinand mich einen Feigling und lässt mich zum Tode verurteilen. Warum? Sag mir, warum? Alles habe ich für König Ferdinand gegeben, Eimer von Blut vergossen.“ – „Nur Dein eigenes nicht“ dachte Nikola. „Mein lieber Katzenstein, halte er mir die heimtückischen Türken vom Leib,“ spottete Katzenstein im näselnden Tonfall von König Ferdinand. „Ohne Soldaten? Mit einem Haufen böhmischer Bauern, Tiroler Wilddiebe und ungarischer Schweinehirten, die ihren eigenen Hintern nicht einmal mit einer Mistgabel finden können, soll ich gegen eine zehnfache Übermacht bestehen? Beinahe hätte ich es geschafft. Unglückliche Umstände haben meinen Sieg vereitelt. Mich trifft keine Schuld. Der beste Feldherr der Welt hätte diese Schlacht verloren,“ Katzianer deutete mit dem Messer auf seinen Gastgeber „auch Du, mein Freund“ und säbelte geschickt ein Stück vom Hirschbraten ab, bevor er das Messer tief in den Braten rammte, wo es zitternd stecken blieb. Zrinski spürte, dass etwas an Katzianers Geschichte faul war.
 
Katzianer log.

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